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Image par Jerzy Górecki de Pixabay

Die Natur steht unter Druck, aber nicht durch die Jagd

23 February 2021

Faktencheck des EU-Naturzustandsberichts
Artikel veröffentlicht in Nature Conservation von der Europäischen Föderation für die Jagd und Erhaltung der Wildfauna (FACE).
 

Brüssel, 17. Februar 2021 - Die Jagd wird in zunehmendem Maße als hochrangige Belastung und Triebkraft für denArtenverlust und die Verschlechterung von Habitaten bezeichnet. Diese Annahme gründet sich auf den aktuellen EU-Naturzustandsbericht, der Daten irreführend darstellt undin Infografiken in Titeln und Bildern auf Jäger verweist.

Zum Glück sind die in dem Bericht vermeldeten Quelldaten leicht zugänglich und zeigen bei genauerer Betrachtung der Zahlen ein ganz anderes Bild. Demnach macht die Jagd nur 0,66 % aller gemeldeten hochrangigen Belastungen aus.Mit anderen Worten: die Mitgliedstaaten gabendie Jagd in weniger als 1 % als hochrangige Belastung für Arten und Lebensräumean.

 
Diagramme: la nature est sous pression mais pas à cause de la chasse
 

Der  Anteil  der  Jagd  im  Verhältnis  zu  allen  von  den  Mitgliedstaaten  gemeldeten  Belastungen  variiert  je  nach  den ausgewählten Elementen.Dabei sind nachstehende Kategorien sehr aufschlussreich:

Die Jagd als Belastung für Lebensräume: 0,05% der für Lebensräume gemeldeten Belastungen.

Von  insgesamt  5.596  Berichten  über hochrangigeBelastungen fürLebensräumebeziehen  sich  nur 3  Berichte  von Mitgliedsstaaten aufLebensräume, die durch die Jagd unter Druck stehen.

Die Jagd als Belastung für andere Arten als Vögel: 0,17 % der gemeldeten Belastungen für andere Arten als Vögel.

Die  Liste  der  Arten,  für  die  die  Jagd  als hochrangigeBelastung  gemeldet  wird, wirft  eine  Reihe  von  Fragen  auf: so gehören  z.B. der  Atlantische  Lachs  (Salmo  salar) und  der  Große  Bärenkrebs(Scyllarides  latus)  zu  den  12  anderen Arten als Vögeln, für die die "Jagd" als hochrangige Belastung gemeldet werden.

Die Jagd als Belastung für Vögel: 2,58 % der für Vögel gemeldeten Belastungen.

Eine  der  wesentlichen  Gründe  für  den  Fokus  der  Medien  auf  die  Jagd  sind  die  von  den  EU-Behörden  in  dem aktuellen   Naturzustandsbericht   verwendeten   Infografiken,   die   Bildervon   Jägern   im   Zusammenhang   mit hochrangigen Belastungen für die Natur zeigen.

In  den  von  den  Mitgliedsstaaten ermitteltenDaten  sind  die  Belastungen  und  Bedrohungen  für  die  Natur  in  zwei hierarchischen  Ebenengegliedert,  wobei  sich  dieLand-und  Forstwirtschaft bzw.  derKlimawandel  auf  der  ersten Ebeneund die Jagd eine von vielen Unterkategorien unter Ausbeutung von Artenbefindet.

Es ist zwar nicht ganz deutlich, wie der Prozentsatzvon 18 % in Zusammenhang mit „illegalem Töten undder Jagd“ zustande kommt,  aber die Daten zeigen, dass die Jagd bei Vögeln insgesamt nur 2,58 % ausmacht.

 
Diagramme: pressions et menaces sur la nature
 

Problematisch ist diese Infografik aus zwei Gründen. Zum einen könnte man sie so verstehen, dass die Belastungen durchdas  illegaleTötenunddie  Jagd(18  %gemäß  obigerInfografik)  viel  höher  sind  als  z.  B.durchdie Forstwirtschaft  (11  %).  Prozentzahlen  innerhalb  einer  Unterkategorie  sollten  nicht  neben  den  Prozentzahlen  der Hauptkategorien  dargestellt  werden.  Zweitens  ist  es inakzeptabel,  die  Jagd  und  das illegale  Töten  in  einer  Gruppe zusammenzufassen. Die  Jagdist  die gesetzlich  geregelte Verfolgung  von  Wild,  während  das  illegale  Töten getrennt davon als kriminelles Handelnwerden muss, für das es keinerlei Toleranz geben darf (siehe Link).

Der  Naturzustandsbericht stellt  richtigerweise  fest,  dass  die  Jagdnach  dem  illegalen  Töten  die  zweithäufigste gemeldete  Belastung  für  überwinternde  und  durchziehende  Vögel  in  der  EU  ist.  Wenn  man  allerdings  sämtliche Belastungen für überwinternde und durchziehende Vögel betrachtet, macht die Jagd nur 6,67 % aus.

Welche Vogelarten sind betroffen?

Es  gibt  eine  Liste  von  86  Arten  (aus  Anhang  IundIIsowie  nicht  in  Anhängen  erfasste  Vögel),  für  die  die  Jagd  als hochrangigeBelastung  gemeldet  wurde.Am  häufigsten  wurden  Arten  mit einem  sicheren  Populationsstatus  und zunehmenden  oder  stabilen  Trendsgemeldet,  wobeidie  Graugans  (Anser  anser)  an  der  Spitze  dieser  Liste,  dicht gefolgt vom Großen Kormoran (Phalacrocorax carbo sinensis),steht.

Dies steht allerdings in direktem Widerspruch zu den Leitlinien zur Berichterstattung der Europäischen Kommission, in denen die Mitgliedstaaten angewiesen wurden, keine hohen Belastungen für Arten zu melden, die einen sicheren Populationsstatus undzunehmendeoder stabile Trends aufweisen. Wenn sich die Mitgliedstaaten daran gehalten hätten, wäre das Ergebnis eindeutig anders und der relative Anteil der Jagd geringer.

Warum ist dies ein Problem?

Eine  gute  Naturschutzpolitik  sollte  sich  auf  Fakten  stützen. Der  Naturzustandsbericht  ist  ein  wichtiger  Meilenstein und  liefert  eine  Fülle  von  Informationen  für  die  Umsetzung  der  Vogel-und  Habitat-Richtlinien  und  der  neuen Biodiversitätsstrategie.  Diese  Informationen sollten  daher  objektiv  genutzt  werden,  ohne  voreilige  Schlüsse  zu ziehen oderpolitische Interessen voranzubringen.

Leider wurden solche Missverständnisse bereits von den Medien aufgegriffen und in laufenden Dialogen verwendet.Wenn Politikern gesagt wird, die Jagd sei eine Bedrohung für die Artenvielfalt, ist es verständlich, wenn diese aktiv werden,  um  sie  zu  beschränken.  Exemplarisch  hierfür  sind  die  aktuellen  Vorschläge  der  Europäischen  Kommissionfür „streng geschützte Gebiete“, die bei vielen Interessenvertretern und Europaabgeordneten Gegenreaktionen ausgelöst haben (siehe auch Link).

Zu  dem  unklaren  Bild,  dass  in  einigen  Kommunikationen (siehe  auch Link, Link & Link), vermittelt  wurde,  stellte FACE-Generalsekretär Dr. David Scallan fest: "Wir freuen uns darüber, die ungenauen Äußerungen klarzustellen und hoffen nun auf eine ausgewogene Berichterstattung. Daten sollten erst einmal gründlich angeschaut werden, bevor man  eine  Schlagzeile  macht,  und  dies  gilt  auch  für  die  EU-Behörden.  Naturschutz  funktioniert,  wenn  Menschen  ihn unterstützen, also sollten wir uns darauf konzentrieren, mit den wichtigen Interessengruppen zusammenzuarbeiten, die die Möglichkeit haben, die Natur vor Ort zu erhalten."

Hintergrundinformationen –Was ist die "Berichterstattung" der Mitgliedstaaten?

Nach den Vorgaben der Naturschutzrichtlinien (d. h. derVogel-und Habitat-Richtlinien) müssen die Mitgliedstaaten über  die  ihrer  Meinung  nach  wichtigsten  Ursachen  für  den  Verlust  von  Arten  und  die  Verschlechterung  von Lebensräumen  berichten. Die  Mitgliedstaaten  berichten daher  über  Belastungen,  d.  h.  über  Faktoren,  von  denen angenommen wird, dass sie sich im aktuellen Berichtszeitraum auf Lebensräume und Arten ausgewirkt haben, und über  Bedrohungen,  d.  h.  über  Faktoren,  von  denen  angenommen  wird,  dass  sie  sich  in  den  beiden  folgenden Berichtszeiträumen   wahrscheinlich   auswirken   werden.   Diese   Belastungen   und   Bedrohungen   sind   in   zwei hierarchische   Ebenen   gegliedert,   wobei   die   erste   (Ebene   1)   15   übergreifende   Kategorien   umfasst   (z.   B. Landwirtschaft   oder   Entwicklung),   während   die   zweite   (Ebene   2) auf 203   Aktivitäten herausstellt,   die   als Belastungen/Bedrohungen  gemeldet  wurden.  Gleichzeitig  werden  sie  entsprechend  ihrer  relativen  Bedeutung  als "hoch"  oder  "mittel"  eingestuft.  Wir  haben  uns  auf    "hohe"  Belastungen  konzentriert,  da  die  Ergebnisse  für  die gemeldeten  Belastungen  und  Bedrohungen  in  den  Kategorien  weitgehend  übereinstimmen  (Naturzustandsbericht, 2020).

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